Die Swing-Kitchen
Von Burgerbrätern und Vegan-Visionären

Wer hätte gedacht, dass drei Schweinedamen der österreichischen Unternehmerfamilie Schillinger einmal die heimlichen „Gründermütter“ der weltweit ersten rein veganen Burgerkette werden sollten! Nachdem Charly Schillinger das väterliche Erbe antritt und das familiengeführte Wirtshaus übernimmt, bringt die Familie es nicht über’s Herz, die im Stall auf den Tod wartenden Säue zu schlachten. Alle Familienmitglieder werden über Nacht zu Vegetariern. Ähnlich ist es bei Irene Schillinger, die sich schon früh die Sinnfrage stellt, wer entscheiden darf, welche Tiere geliebt und welche getötet werden. Die Liaison führt schließlich zur Gründung der SWING KITCHEN, welche die Stereotype eines Fastfood-Restaurants radikal auf den Kopf stellen wird. Denn hier werden die Kalorien anders gezählt: Und zwar 100 % vegan, ökologisch und plastikfrei. Wir haben mit den beiden Visionären gesprochen…

Irene und Charly, eure Story ist ja echt filmreif und ein Paradebeispiel für Ethik, Entschlossenheit und visionäres Denken und Handeln. Hättet ihr damals je gedacht, dass ein Cordon Bleu euer beider Leben verändern wird? Skizziert doch mal, wie sich das Ganze damals entwickelt hat.

Wir hatten sehr gute Jobs und ganz sicher nicht vor, in die Gastronomie einzusteigen, zumal man in Österreich als Selbstständiger mit schier unübersehbaren Schikanen konfrontiert ist. Aber der Erfolg des Cordon bleus damals war so durchschlagend, dass wir es trotzdem gewagt haben, unser Leben auf die vegane Gastronomie zu umzuschwenken. War es am Anfang nur ein Hobby, im Gasthaus meiner Mutter mit veganer Hausmannskost zu experimentieren, so sind mit dem Cordon bleu plötzlich Reservierungsanfragen aus England, Florida und sogar Kalifornien gekommen. Da haben wir bemerkt, dass Irene da offenbar was ganz Besonderes gelungen ist. Uns seither setzen wir fast ausschließlich auf Fleischalternativen und sind damit immer richtig gelegen.

Die SWING KITCHEN ist ein Paradebeispiel für vegane Pionierarbeit. Ihr seid die weltweit erste rein vegane Burgerkette. Das bringt natürlich auch eine große Verantwortung mit sich. Welche Werte wollt ihr vermitteln und was käme euch niemals in die Tüte?

Die Grenze ist vegan – es gibt kein vorstellbares Szenario für uns, dass wir irgendetwas mit nicht veganen Produkten zu tun haben wollen – weder privat noch beruflich. Auch das Thema Plastik ist uns ein Anliegen, deshalb geben wir unseren Gästen kein Plastik aus – weder in den Restaurants, noch via Take away. Generell achten wir bei allen Komponenten darauf, jeweils die möglichst nachhaltigsten auszuwählen. Das betrifft alle Bereiche: Essen, Verpackung, Getränke, Möbel, Umbauten bis hin zum Umgang mit unseren großartigen MitarbeiterInnen.

Mit Fast Food erreicht man ja ein durchweg gemischtes Publikum. Was sind das für Leute, die in die SWING KITCHEN kommen?

Waren es bis vor ca. einem Jahr noch vorwiegend weibliche Gäste zwischen 20 und 35, gut gebildet und urban, so hat sich unsere Gästeschicht im letzten Jahr deutlich verbreitert. Speziell Männer mittleren Alters in Bürokleidung sehen wir immer öfter bei uns.

Irene, erzähl uns doch bitte mal was zu Deinen Backgrounds. Du entwickelst ja die ganzen köstlichen Dinge, die man bei euch bekommen kann. Wie groß ist die Herausforderung, einen Burger so hinzubekommen, dass selbst der größte Vegan-Kritiker noch einmal gerne hineinbeißt?

Ich komme aus einem durch und durch naturwissenschaftlichen Haus. Und genau so ist mein Zugang, wenn ich traditionelle Speisen veganisiere. Ich schaue mir an, welche Funktion ein tierliches Produkt in einem Rezept hat und tausche dieses gegen ein veganes aus, welches sich ähnlich verhält. Wird z.B. in einem Gericht ein Ei als Emulgator eingesetzt, dann verwende ich natürliche pflanzliche Zutaten, die ebenfalls diese Eigenschaft mitbringen.

Ihr wart eurer Zeit immer ein Stück weit voraus. Wie erlebt ihr die vegane Entwicklung der letzten Jahre? Überrascht es euch, wie das Thema seit 2015 an Fahrt aufgenommen hat oder war das für euch eine logische Konsequenz?

Wir sehen seit ca. einem Jahr eine ganz starke Beschleunigung beim salonfähig-werden des Veganismus. Das liegt einerseits an Fridays for Future, wo SchülerInnen ihren Eltern erklären, dass Fleisch Klimakiller Nr. 1 ist und zum anderen ist man sehr beeindruckt vom Börsenerfolg von Beyond Meat. Wurden früher Veganer oft als Spinner angesehen, so sind wir diejenigen, die sich für eine lebenswerte Welt für unsere Nachkommen einsetzen. Ein ganz anderes Image/Bild in der Gesellschaft also.

Beschreibt doch mal mit wenigen Adjektiven den typischen Veganer 2010 und den typischen Veganer 2020.

2010: Grünzeug essende Hippies
2020: Coole engagierte Klimaschützer

Mittlerweile habt ihr – mit zwei Filialen in Berlin –  ja auch in Deutschland Fuß gefasst und baut euer Konzept mit Franchise-Partnern fleißig aus. Was können wir in den nächsten Jahren erwarten? Welche Städte stehen auf der Agenda?

Wir hätten heuer noch drei weitere Filialen in Wien, München und Zürich eröffnet. Die aktuellen Maßnahmen die die Regierungen wegen Corona beschlossen haben, schmeißen uns aber diesbezüglich leider um viele Monate zurück.
Unser Ziel ist mittelfristig ca. 10 Filialen pro Jahr zu eröffnen, speziell in der DACH-Region, BENELUX, Skandinavien und Großbritannien.

Ist der Name SWING KITCHEN als Anspielung zu verstehen, einfach mal auf vegane Alternativen überzuschwenken? Oder spiegelt er eure musikalischen Vorlieben wieder?

Tatsächlich beides, wir spielen ja mit dem Slogan “Swing to vegan!“ und zum anderen lieben wir die Musik von Benny Goodman, Artie Shaw und den anderen Swing-Größen.

Aus aktuellem Anlass: Wie erlebt ihr die derzeitige Situation? Gerade für Gastronomen muss das Gefühl der Ungewissheit doch schier unerträglich sein. Trotz aller Einschränkungen: Wie kann man aktuell noch in den Genuss eurer Burger kommen?

Natürlich sitzen wir auf Nadeln. Wir sind ja sehr umtriebige Naturen, deren Lebensinhalt es ist “möglichst viel Tierleid zu vermeiden“. Und deshalb können wir mit den aktuellen Sanktionen nur sehr schwer umgehen. In Wien und Graz kann man in den inneren Bezirken über Lieferdienste unsere Burger bestellen. Wir freuen uns ungemein, dass es ab 15. Mai in Österreich wieder in den Restaurants losgeht!


Die SWING KITCHEN ist eine Franchisekette mit Sitz in Österreich. Neben fünf Restaurants in Wien und einem in Graz findet man mittlerweile auch Adressen in Bern und Berlin (2 Restaurants). Neben den berühmt-berüchtigten Burgern gibt’s Wraps, Salate und auch allerlei Süßes. Natürlich alles vegan und plastikfrei verpackt. Probiert unbedingt mal den Nougat-Mandel-Traum!!

www.swingkitchen.com


 

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